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Migrationstagung 2026

AS ist dabei.

Gratis arbeiten. Hass aushalten. Einfach weitermachen?

Unsere Gesellschaft lebt von Arbeit, die sie nicht bezahlen will – und von Menschen, die sie nicht ausreichend schützt. An der SEV-Migrationstagung 2026 wurde Klartext gesprochen: über unsichtbare Care-Arbeit, unbezahlbare Entlastung, tolerierten Rassismus und alltäglich gewordene Hassbotschaften. AS war in Olten stark vertreten und mischte sich aktiv ein.

Knapp 40 Teilnehmende kamen am 25. September 2026 im Hotel Olten zusammen. Der Titel der Tagung – «Care Arbeit und Hate Speech» – verband zwei Themen, die unterschiedlicher kaum wirken könnten.

Doch der gemeinsame Nenner wurde rasch sichtbar: Wer wenig Macht und Aufmerksamkeit erhält, wird schnell übersehen. Das gilt für Menschen, die unbezahlt Angehörige betreuen. Und es gilt für jene, die wegen ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihres Namens, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Geschlechtsidentität oder ihres Engagements angegriffen werden.

Rassismus, Queerfeindlichkeit und andere Formen der Diskriminierung verfolgen dabei denselben Zweck: Menschen auszugrenzen, einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen.

SEV-Präsident Matthias Hartwich eröffnete die Tagung. Anschliessend rückte Udo Michel, Geschäftsführer des Entlastungsdienstes Schweiz, eine unbequeme Realität ins Zentrum.

Die Schweiz lässt arbeiten – gratis

Rund 600’000 Menschen betreuen und pflegen in der Schweiz Angehörige oder andere nahestehende Personen. Sie kümmern sich um Kinder, begleiten kranke Familienmitglieder und unterstützen ältere Menschen oder Menschen mit Behinderungen.

Diese Arbeit wird häufig unbezahlt geleistet. Sie erscheint auf keiner Lohnabrechnung und bleibt in vielen wirtschaftlichen Statistiken unsichtbar. Trotzdem würde ohne sie unser Alltag nicht funktionieren.

Care-Arbeit wird gerne als Ausdruck familiärer Verantwortung bezeichnet. Das klingt wertschätzend, kann aber auch bequem sein: Solange Familien die Betreuung irgendwie selbst organisieren, muss die Allgemeinheit nicht für die tatsächlichen Kosten aufkommen.

Die Arbeit ist gratis – die Folgen sind es nicht.

Betreuende Angehörige reduzieren ihr Arbeitspensum, verzichten auf berufliche Entwicklungsmöglichkeiten und riskieren finanzielle Nachteile. Viele gehen über ihre Belastungsgrenzen hinaus, bevor sie Unterstützung suchen oder erhalten.

Die Arbeitsschicht endet. Die Verantwortung nicht.

Besonders schwierig ist die Situation für Menschen im Schichtbetrieb. Unregelmässige Arbeitszeiten, kurzfristige Dienständerungen sowie Früh-, Spät- und Wochenendschichten kollidieren mit Betreuungsaufgaben, die sich nicht verschieben lassen.

Wer am Arbeitsplatz flexibel sein soll, braucht zu Hause verlässliche Lösungen. Doch genau daran fehlt es häufig.

Bei Menschen mit Migrationsgeschichte können sprachliche Hürden, fehlende Informationen oder die Betreuung von Angehörigen über grosse Distanzen hinzukommen. Manche tragen gleichzeitig Verantwortung für Familienmitglieder in der Schweiz und im Herkunftsland.

Das ist keine private Randnotiz. Es ist eine gewerkschaftliche Kernfrage.

Care-Arbeit gehört in den GAV

Auch die Gewerkschaften müssen handeln. Es reicht nicht, Care-Arbeit in Sonntagsreden zu würdigen. Wer die Vereinbarkeit von Beruf und Betreuung ernst nimmt, muss sie in den Gesamtarbeitsverträgen verankern.

Gefordert sind planbare Arbeitszeiten, verlässliche Freistellungen und ein wirksamer Schutz vor beruflichen Nachteilen. Beschäftigte dürfen nicht bestraft werden, weil sie neben ihrer Erwerbsarbeit Verantwortung für andere Menschen übernehmen.

Im Workshop brachten die Teilnehmenden ihre Erfahrungen ein und diskutierten mögliche gewerkschaftliche Forderungen. Dabei wurde auch auf den Frauenstreik vom 14. Juni 2027 und die dazu vorgesehenen Anlässe hingewiesen.

Entlastung gibt es – wenn man sie bezahlen kann

Der Entlastungsdienst unterstützt Kinder, Erwachsene und ältere Menschen in ihrem vertrauten Zuhause. Er schafft Freiräume für Angehörige, damit diese arbeiten, sich erholen und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.

Im Kanton Bern wurden 2025 insgesamt 74’664 Betreuungsstunden bei 17’009 Einsätzen in 550 Haushalten geleistet. Diese Zahlen zeigen, wie gross der Bedarf ist.

Noch deutlicher ist jedoch eine andere Zahl: 62 Prozent der befragten Angehörigen würden mehr Entlastung nutzen, wenn sie sich diese leisten könnten.

Anders gesagt: Die notwendige Unterstützung ist vorhanden – aber für viele zu teuer.

Wer genügend Geld hat, kann sich entlasten lassen. Wer wenig verdient, betreut weiter, verzichtet auf Erholung und trägt das Risiko der Überlastung selbst. Das ist weder fair noch nachhaltig.

Gute Betreuung darf kein Luxusprodukt sein. Sie gehört zur öffentlichen Grundversorgung und muss für alle Menschen erreichbar sein.

Wie viel Rassismus ist für uns noch «normal»?

Am Nachmittag wurde die Diskussion noch direkter. Der Berner Stadtrat Szabolcs Mihalyi, Filmregisseur Samir Riadh und die Aktivistin Tabea Rai sprachen über Rassismus, persönliche Angriffe und Hate Speech.

Besa Mahmuti, SEV-Gewerkschaftssekretärin und Koordinatorin der SEV-Migrationskommission, führte souverän und mit gezielten Fragen durch die Podiumsdiskussion.

Im Zentrum stand eine unangenehme Frage: Wie konnte es so weit kommen, dass rassistische Aussagen verharmlost, toleriert oder als normale Meinungsäusserungen akzeptiert werden?

Hassbotschaften sind insbesondere im digitalen Raum allgegenwärtig geworden. Menschen werden persönlich angegriffen, beleidigt und eingeschüchtert. Oft wird erst reagiert, wenn Grenzen bereits deutlich überschritten wurden.

Doch Hate Speech beginnt nicht erst bei einer strafrechtlich relevanten Drohung. Auch die ständige Abwertung, Ausgrenzung und Entmenschlichung hinterlässt Spuren. Sie verdrängt Menschen aus öffentlichen Debatten und greift ihre persönliche Integrität an.

Der Persönlichkeitsschutz darf deshalb nicht bloss ein schöner Grundsatz bleiben. Er muss dort wirksam werden, wo Menschen tatsächlich angegriffen werden.

Wegschauen schützt die Falschen

Erfahrungsberichte aus dem Publikum zeigten, dass Rassismus und Hate Speech keine abstrakten Diskussionsthemen sind. Sie betreffen reale Menschen und haben reale Folgen.

Wer bei rassistischen, queerfeindlichen oder anderen menschenfeindlichen Aussagen schweigt, überlässt den Raum den Lautesten. Wer Hass als unvermeidlichen Teil sozialer Medien abtut, macht es den Angreifenden leichter.

Gefordert sind Zivilcourage, klare Grenzen und Solidarität mit den Betroffenen.

AS war nicht nur dabei

AS nahm mit mehreren Personen an der Migrationstagung teil und beteiligte sich rege an den Gesprächen.

Als AS-Delegierte in der SEV-Migrationskommission für die Amtsperiode 2025 bis 2029 wurden Franco Luca und Jules genannt.

Die starke Beteiligung zeigt: Care-Arbeit, Migration, Diskriminierung und Persönlichkeitsschutz sind keine Nebenthemen. Sie gehören mitten in die gewerkschaftliche Arbeit.

Bilder für «Die neue Schweiz»

Die Podiumsdiskussion wurde gleichzeitig Teil eines grösseren Filmprojekts. Samir und sein Team drehten während der Tagung für den kommenden Kino-Dokumentarfilm «Die neue Schweiz».

Der für 2027 angekündigte Film blickt auf die Migrationsgeschichte der vergangenen 40 Jahre. Er will der häufig negativen Darstellung von Migration ein anderes Bild entgegensetzen: das Bild einer vielfältigen Schweiz, die längst durch Menschen mit unterschiedlichsten Biografien geprägt wird.

Die Migrationstagung machte deutlich: Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht nicht durch schöne Worte. Er entsteht dort, wo Care-Arbeit anerkannt und bezahlbar gemacht wird. Dort, wo Betroffene nicht allein gelassen werden. Und dort, wo Menschen den Mut haben, Rassismus und Hass nicht einfach hinzunehmen.

Hilfe bei Hate Speech und Diskriminierung

Hassbotschaften müssen nicht einfach hingenommen werden. Betroffene sowie Personen, die einen Vorfall beobachten, können sich an folgende Stellen wenden:

  • Rassistische Online-Hassrede: Auf reportonlineracism.ch können rassistische Inhalte der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus gemeldet werden. Auf Wunsch wird die Meldung an eine spezialisierte Beratungsstelle weitergeleitet.

  • Beratung bei rassistischer Diskriminierung: Das Beratungsnetz für Rassismusopfer vermittelt schweizweit kantonale Fachstellen. Diese bieten psychosoziale Beratung, rechtliche Orientierung und Unterstützung bei konkreten Vorfällen.

  • Queerfeindliche Angriffe und Hate Crimes: Die LGBTIQ-Helpline berät kostenlos und vertraulich. Sie ist von Montag bis Freitag zwischen 19 und 21 Uhr unter 0800 133 133 sowie per Chat und E-Mail erreichbar. Vorfälle können zudem über stophate.ch gemeldet werden.

  • Drohungen, Stalking oder andere Gewalt: Die Opferhilfe Schweiz ist rund um die Uhr unter der Nummer 142erreichbar. Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und auf Wunsch anonym.

  • Kinder und Jugendliche: 147.ch bietet rund um die Uhr kostenlose und vertrauliche Hilfe per Telefon sowie Beratung über WhatsApp, E-Mail und Chat.

  • Kanton Bern: Das gggfon – Gemeinsam gegen Gewalt und Rassismus berät bei rassistischer Diskriminierung, Gewalt und Rechtsextremismus. Telefon 031 333 33 40, E-Mail .

Bei einer unmittelbaren Bedrohung ist die Polizei über 117 zu verständigen. Wenn möglich, sollten Screenshots, Links, Benutzernamen sowie Datum und Uhrzeit gesichert werden.

Andreas Lüdin

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